A2 schickte mir einen Artikel aus der SZ, den ich so wunderbar finde, dass ich ihn hier in den Blog stellen möchte:
SZ, 22.5.2018
Nur Pflicht und Disziplin
Gegen die Verzwergung der Schauspieler: Fabian Hinrichs war Juror beim Berliner Theatertreffen – und hat nichts gesehen, was ihm gefallen hätte
INTERVIEW: PETER LAUDENBACHAm Montag ging das Berliner Theatertreffen mit der traditionellen Verleihung des AlfredKerr-Darstellerpreises zu Ende. Alleiniger Juror des Preises, mit dem ein Nachwuchsschauspieler aus einer der beim Theatertreffen gezeigten Inszenierungen geehrt wird, ist immer ein Schauspieler – in diesem Jahr fiel diese Aufgabe Fabian Hinrichs zu. Der Theater- und Filmschauspieler hatte seine Probleme mit den „bemerkenswertesten“ Inszenierungen. Einen Preisträger hat er am Ende dennoch benannt: Benny Claessens, der in Elfriede Jelineks Stück „Am Königsweg“ in der Hamburger Inszenierung von Falk Richter den großen Manipulator und König à la Donald Trump spielt – als infantilen Wüterich mit einem Riesenego.
SZ: Herr Hinrichs, Sie haben als Juror des Kerr-Preises alle neun beim Theatertreffen in Berlin gezeigten Inszenierungen gesehen – insgesamt 28 Stunden. Wie steht es um das Gegenwartstheater?
Fabian Hinrichs: Ich habe keine religiöse Erziehung genossen. Deshalb kann ich nicht wirklich über die Erfahrung auf Leidenswegen sprechen. Ich weiß nicht, ob man durch Leiden zur Erlösung kommt. Ich wurde in diesen vielen Stunden jedenfalls nicht erleuchtet. Aber ich habe gelitten. Wenn die Aufführungen, die ich gesehen habe, das Beste oder Interessanteste oder künstlerisch Gelungenste des Gegenwartstheaters sein sollen, könnte man leicht in einen Zustand der Depression stürzen. Als ich gefragt wurde, ob ich Juror des Kerr-Preises sein will, habe ich zugesagt, weil ich sehen wollte, was gerade die bestimmenden Strömungen im Theater sind. Ich wollte staunen und etwas entdecken und mich verlieben. Ich ging mit reinem Herzen in die Aufführungen. Meistens wäre ich am liebsten schon nach einer Viertelstunde wieder gegangen, weil klar war, wie es weitergeht. Ich habe mich zwischendurch gefragt, bei welcher Inszenierung ich gerne mitgespielt hätte. Eigentlich wäre ich bei keiner gerne dabei gewesen.
Auch nicht bei Frank Castorfs „Faust“?
Auch nicht bei „Faust“.
Worunter haben Sie am meisten gelitten?
Unter Preußen. Mir kamen die meisten Aufführungen wie sehr disziplinierte Militärübungen vor. Ich komme aus einer Militärfamilie, ich weiß, wovon ich rede. Ich habe beim Theatertreffen vor allem treue Pflichterfüllung im Dienst unterschiedlicher Regiekonzepte gesehen.
Jetzt haben Sie praktisch alle Schauspieler, die beim Theatertreffen aufgetreten sind, beleidigt.
Es ist nicht als Beleidigung gemeint, eher als Aufruf, sich als Schauspieler nicht von Konzepten verzwergen zu lassen. Es gibt mutmachende Ausnahmen, nicht nur beim Theatertreffen, Schauspieler wie Sophie Rois, Benny Claessens, Joachim Meyerhoff, Martin Wuttke zum Beispiel. Es ist interessant, dass niemand auf die Idee kommt, einer Schauspielerin oder einem Schauspieler eine Intendanz anzubieten. Vielleicht auch zu Recht, muss man sagen, so entmündigt wie Schauspieler inzwischen sind. Das war ja einmal anders mit Künstlern wie Helene Weigel, Max Reinhardt oder Gustaf Gründgens, die große Theater geleitet und an ihren Theatern auch selber gespielt haben.
Mein zweiter Eindruck beim Theatertreffen, neben der Entmündigung der Schauspieler, ist ein Autorendefizit. Der Regisseur hat den Autor ersetzt. Ich sehe im Theater derzeit kaum Autoren, die eine Sprache haben. Das ist etwas langweilig. Mein Eindruck ist, dass viele Regisseure eigentlich lieber zum Film oder in die bildende Kunst gehen würden. Ihr Theater sieht aus wie von verhinderten Filmregisseuren oder von Licht-Installations-Designern, die noch keine Galerie gefunden haben.
Das Schlimmste ist, dass ich vor lauter Betriebsamkeit keine Gegenwelten sehe. Aber genau das wären der Reiz und die eigentliche Kraft des Theaters.
Wünschen Sie sich im Ernst mehr Gegenwelten-Eskapismus im Theater?
Einer meiner Lieblingssätze ist von Tolkien: „Nur Gefängniswärter haben etwas gegen Eskapismus“, Gefängniswärter und Ideologen. Aber ich meine mit den Gegenwelten nicht nur Eskapismus. Die Inszenierungen von René Pollesch beispielsweise stellen Gegenwelten her, auch wenn sie sehr genau auf Situationen der Gegenwartsgesellschaft reagieren. Ich bin Schauspieler, ich halte Theater immer noch für Kunst, auch wenn das vermutlich inzwischen als konservativ oder vermessen gilt. Und Kunst ist eine andere Realität, mit anderen Gesetzmäßigkeiten als die durchrationalisierte Alltagswirklichkeit, in der man vor allem funktionieren muss.
Ein zentrales Thema des Theatertreffens war laut Programmheft die „kritische Selbstbefragung“ und der nötige „Strukturwandel“. Wie haben Sie diese Debatten wahrgenommen?
Um ehrlich zu sein: gar nicht. So etwas wie eine Selbstinfragestellung konnte ich in den Aufführungen nicht sehen.
Ist es nicht interessant, wenn beim Theatertreffen Falk Richter mit Jelineks Text „Am Königsweg“ wütend auf Trump reagiert, Thomas Ostermeier sich mit Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ auseinandersetzt, Karin Henkel antike Tragödien aus der Perspektive der Frauenfiguren zeigt oder eine andere Aufführung rassistische Alltagswahrnehmungen irritiert? Was stört Sie an dezidiert politischen Inszenierungen?
Das ist alles mit Sicherheit gut gemeint. Aber eine Theateraufführung muss mir nicht die Staatsverschuldung oder das Problem eines Endlagers für Atommüll erklären. Das Theater muss nicht die letzten Stunden von Ceaușsescu zeigen oder die Präsidentschaft Trumps mit Fröschen illustrieren. Das Problem an den flachen Wahrheiten ist, dass das nur Angebote sind, sofort damit einverstanden zu sein. Dieses Theater macht keine Widersprüche auf, es liefert nur Selbstgewissheiten. Alle vermuten sich auf der richtigen Seite und bebildern einen Schulaufsatz. Ich will nicht über einzelne Inszenierungen sprechen, ich möchte auch niemanden verletzen. Das mag ja alles seine Berechtigung haben. Aufführungen wie Ulrich Rasches „Woyzeck“ oder Castorfs „Faust“ machen natürlich große Kunstbehauptungen auf. Aber wenn Sie mich nach meiner Wahrnehmung fragen, muss ich sagen, dass ich eigentlich kaum Kunst gesehen habe.
Und das, obwohl man beim Theatertreffen sehr unterschiedliche Ästhetiken sehen konnte?
Auf den ersten Blick schon, an der Oberfläche. Das vereint die meisten der Inszenierungen, die ich gesehen habe: Sie sind oberflächlich. Was herauskommt, ist eine Art Warenhaus, ein Portefeuille von Werbekaufleuten, die unterschiedliche Oberflächen und Haptiken und Formate im Angebot haben – für jede Geschmackszielgruppe etwas. Eine Frage, die ich nicht beantworten kann, ist, ob es für dieses Angebot überhaupt eine echte Nachfrage gibt: Interessiert das jemanden? Braucht das jemand, außer aus Gewohnheit? Bei mir selbst merke ich keine Nachfrage danach.
Man müsste prinzipieller über einen Begriff wie Ästhetik nachdenken. Das beschreibt Rilke, wenn er eine Skulptur betrachtet: „Keine Stelle, die dich nicht sieht“. Eine ästhetische Erfahrung, die den Betrachter, die Betrachterin so trifft, hat eine Wahrheit, die ich anders nicht erfahren kann. Das schafft einen Raum außerhalb der durchformatierten Alltagsrationalität, in der wir uns dauernd bewegen. Diese Erfahrung konnte ich beim Theatertreffen in keiner einzigen Aufführung machen, auch wenn einige sich sehr bemüht haben. Aber natürlich kann ich nur für mich sprechen.
Was wünschen Sie sich vom Erlebnisraum des Theaters?
Dass sich ein unbewusster Dialog zwischen Spielern und Zuschauern eröffnet, ein gemeinsames Träumen. Das sind Momente, in denen so etwas wie ein gemeinsames Erleben entsteht, lauter kleine Brücken zwischen all den existenziellen Einsamkeiten. Genau dafür liebe ich das Theater. Das kann Theater leisten. Was Rilke beschreibt, ist etwas anderes und vielleicht das Gegenteil der flachen Wahrheiten in einem sogenannten politischen Theater. Wirklich politisch im Theater ist Poesie, das Sprechen in einer anderen Sprache. Das ist inzwischen geradezu radikal.
Was macht das Theater außerhalb der Alltagsrationalität für Sie so wichtig?
Um das Leben hier, ein Leben im Kapitalismus, ein Leben ohne Gott, auszuhalten und infrage zu stellen, um eine andere Wahrheit zu erfahren, brauchen wir solche Räume. Schiller sagt, der Mensch sei nur da Mensch, „wo er spielt“. Und Spiel bedeutet nicht Infantilität. Wenn ich ins Theater gehe, sehe ich keine Spiele, sondern Disziplin. Ich sehe im Theater dauernd nur Leuten bei der Arbeit zu, also genau das, was auch im Alltag stattfindet. Ich sehe keine Entgrenzung, ich sehe nur Grenzen und Leute, die auf Bremsen treten und dabei so tun, als wäre das irgendwie radikal. So ein Theater führt nicht zu einer Welt-Fremdheit, zu einer Welt-Vergessenheit, zum Auflösen von Pflicht und Disziplin und Funktionieren. Wenn das in der Kunst nicht möglich ist, ist die Kunst überflüssig. Dann ist es nicht Kunst, sondern nur die Fortsetzung der Alltagsmechanismen und Alltagsmeinungen.






