Sonntag, 27. Mai 2018

Oz

Heute war ich mit S und A in der LMU zu einem Vortrag von Amos Oz. Es war ein wunderbarer Abend, trotz Promi-Rummel (sogar Habermas und seine Frau waren da) und langer Dankesreden. Es ging ja um die neue Gastprofessur für Hebräische Poesie, die sie eingerichtet haben und Oz sprach darüber, wie sein Schreiben entsteht. Das ist einfach ein wunderbarer Typ, total entspannt, ein bisschen eitel, aber mit viel Selbstironie, witzig und mit einer unheimlich lebendigen Körpersprache. Typisch israelisch, würde ich sagen.
Und was mich begeistert hat: es ging ihm wirklich um Literatur und warum die so wichtig ist für die Menschen. Er redete da nicht abstrakt und im Allgemeinen drüber, sondern ging von sich aus, seinen Erfahrungen. Das war so eindrücklich und berührend, dass die Zeit wie im Flug verging.
Er sagte, durch die Literatur können Menschen durch die Augen anderer Menschen schauen und vielleicht auch auf sich selber schauen. Diese Fähigkeit der Menschen ist total wichtig, die Voraussetzung dafür ist Neugier. Neugier ist für ihn eine der wichtigsten menschlichen Eigenschaften und die Basis für alles: Literatur, Liebe, Beruf - einfach für alles. 
Es gab dann noch ein Interview mit Rachel Salamander, aber sie verblasste neben ihm und arbeitete nur ihre Fragenliste ab. Und er saß da wie ein Kibbuzim, breitbeinig in zerknitterter Hose und einem kurzärmligen Hemd... total nett.
Das besonders Schöne war: bezugnehmend auf den Buchtitel: „Jeder ist eine Insel“ sagte er (auf Englisch), dass er das anders sehe: jeder sei eine „Peninsula“ - eine Halbinsel. Auf einer Seite verbunden mit dem Festland (Familie) und die andere Seite zeigt ins offene Meer, die Weite, das Endlose. Genau so, wie es ja für mich war das halbe Jahr in Tasmanien, auf meiner Peninsula...
Er steht morgens um 4 Uhr auf, wenn es noch dunkel ist, und macht einen Spaziergang. Die Welt ist still und leer und wenn er in den Sternenhimmel schaut und denkt z.B. an die fanatischen Politiker mit ihren Sprüchen „für immer“ und „nie mehr“ und „so bleibt es!“, dann kann er die Sterne und den Himmel und die dunklen Bäume lachen hören. Sagte er.



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