Der zweitklassige Gott
Heute erscheint Daniel Kehlmanns neues Buch „Ruhm”. Aber ein Sudoku ist noch kein Roman
Zu denjenigen unter seinen
Generationsgenossen, die noch immer in Familienromanen verschwiegener
historischer Schuld nachspüren, steht Kehlmann in kühler Distanz. Seine
Figuren leiden nicht an der Geschichte ihres Landes, sondern an der
Unerbittlichkeit des Zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik oder an
den paradoxen Problemen der Logik. Zu den Traditionen, die Kehlmann
demonstrativ ausschlägt, gehört die Unterwanderung des Romans durch
die Autobiographie.
Er ist sehr gut darin, Theorien –
nicht zuletzt die fiktiven Theorien fiktiver Theoretiker – in
Erzählstoffe zu verwandeln. Und er kann seinen Figuren unterhaltsam
pointierte, witzige Dialoge in den Mund legen, während er sie mit
leichter Hand durch Plots schickt, die er eigens erfunden hat, um
diese Figuren an sich selbst oder der Welt irre werden zu lassen.
Diese Fähigkeiten mögen zu dem Erfolg
beigetragen haben, den Kehlmann mit seinem Roman „Die Vermessung
der Welt” hierzulande, aber auch international erzielt hat.
Jetzt, auf der Höhe seines Ruhms, hat
Kehlmann ein Buch veröffentlicht, das den lapidaren Titel „Ruhm”
trägt. Es ist auf bemerkenswerte Weise misslungen. Denn es
offenbart, erstens, eine Schwäche dieses Autors, seine Grenze: Er
kann keine Figuren erfinden, die ihrem Autor ernsthaften Widerstand
entgegensetzen, die ihm gegenüber Geheimnisse bewahren, die er nicht
auflösen könnte. Und es gründet, zweitens, seine erzählerische
Dramaturgie auf eine Theorie, die es sich mit ihrem Gegenstand, den
modernen Kommunikationstechnologien, allzu einfach macht.
Das läuft wie geschmiert und liest
sich schnell weg, aber nur scheinbar zwanglos gehen in diesen
ausgeklügelten Geschichten die alten, romantischen Gespenster der
Selbstverdoppelung aus der modernen Technik hervor.
Logische, oder wie hier: logistische
Unstimmigkeiten und Flachheiten können sich große Romane locker
erlauben. Sie verstimmen aber in Büchern wie diesen, eben weil sie
die Logistik, der sie folgen, so ostentativ hervorkehren.
Eine Figur setzt sich in einen Zug und
landet in einem Tunnel, der die Form eines Albtraums annimmt. Mit
diesem Dürrenmatt-Modell schickt Kehlmann seine Figuren gern ins
Unheil. In der Geschichte „Osten” beherzigt er zudem den Rat
Dürrenmatts, eine Geschichte sei erst dann zu Ende erzählt, wenn
sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen habe.
Aber das Schlimmstmögliche hat hier
wenig Gewicht und wenig Wucht. Denn es stößt Figuren zu, die
ihrerseits wenig Gewicht haben. Sie leiden nicht wirklich, sie
besitzen keine Schärfe und eigentlich auch keinen Charakter. Das
hängt mit der zweiten Schwäche dieses Buches zusammen: Sein großer
Aufwand an Verrätselung und Maskenspiel mündet auf paradoxe Weise
in die vollkommene Geheimnislosigkeit der dargestellten Welt und
ihres Personals.
Nein, dies ist kein bedeutendes Buch,
kein großer Wurf, bei dem aus neun Geschichten das Ganze eines
Romans entsteht. Denn es gelingt ihm nicht, ein Äquivalent für die
Ortsbindung und atmosphärische Dichte zu finden, die in einem
modernen Klassiker des Genres wie Sherwood Andersons „Winesburg,
Ohio” (1919) die disparaten Erzählungen und Figuren
zusammenschließt. Es bleibt in „Ruhm” bei der logischen
Verknüpfung der Geschichten: was der Figur in einer Geschichte
widerfährt, erhält in einer späteren seinen Ort in der Kausalkette
der Ereignisse oder umgekehrt. Der Verstand des Lesers mag seinen
Spaß dabei haben, die Rätsel aufzulösen, die ihm dieses Buch
aufgibt. Verlässlich arbeitet darin die leichte Hand eines
Erzählers, der nie um einen Einfall und eine überraschende Wendung
verlegen ist. Die Dämonen aber, die Abgründe und Alpträume, die es
zu enthalten behauptet, enthält dieses Buch nicht. Ihm misslingt,
was derzeit im deutschen Kino Christian Petzold gelingt, von
„Wolfsburg” über „Yella” bis „Jerichow”:
Gespenstergeschichten zu erzählen, die auf dem technologischen
Niveau der Gegenwart angesiedelt und Figuren des deutschen Alltags in
Schrecksekunden bannen.
LOTHAR MÜLLER



