Donnerstag, 31. Mai 2018

Kehlmann

Ich schließe grade das Kapitel "Kehlmann" in meiner Lese-Biographie und habe die Kritik von Lothar Müller in der SZ vom 16.1.2009 mal zusammengefasst. Mir ist daran viel klar geworden, worum es in der Literatur geht.


Der zweitklassige Gott

Heute erscheint Daniel Kehlmanns neues Buch „Ruhm”. Aber ein Sudoku ist noch kein Roman


Zu denjenigen unter seinen Generationsgenossen, die noch immer in Familienromanen verschwiegener historischer Schuld nachspüren, steht Kehlmann in kühler Distanz. Seine Figuren leiden nicht an der Geschichte ihres Landes, sondern an der Unerbittlichkeit des Zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik oder an den paradoxen Problemen der Logik. Zu den Traditionen, die Kehlmann demonstrativ ausschlägt, gehört die Unterwanderung des Romans durch die Autobiographie.

Er ist sehr gut darin, Theorien – nicht zuletzt die fiktiven Theorien fiktiver Theoretiker – in Erzählstoffe zu verwandeln. Und er kann seinen Figuren unterhaltsam pointierte, witzige Dialoge in den Mund legen, während er sie mit leichter Hand durch Plots schickt, die er eigens erfunden hat, um diese Figuren an sich selbst oder der Welt irre werden zu lassen.

Diese Fähigkeiten mögen zu dem Erfolg beigetragen haben, den Kehlmann mit seinem Roman „Die Vermessung der Welt” hierzulande, aber auch international erzielt hat.

Jetzt, auf der Höhe seines Ruhms, hat Kehlmann ein Buch veröffentlicht, das den lapidaren Titel „Ruhm” trägt. Es ist auf bemerkenswerte Weise misslungen. Denn es offenbart, erstens, eine Schwäche dieses Autors, seine Grenze: Er kann keine Figuren erfinden, die ihrem Autor ernsthaften Widerstand entgegensetzen, die ihm gegenüber Geheimnisse bewahren, die er nicht auflösen könnte. Und es gründet, zweitens, seine erzählerische Dramaturgie auf eine Theorie, die es sich mit ihrem Gegenstand, den modernen Kommunikationstechnologien, allzu einfach macht.

Das läuft wie geschmiert und liest sich schnell weg, aber nur scheinbar zwanglos gehen in diesen ausgeklügelten Geschichten die alten, romantischen Gespenster der Selbstverdoppelung aus der modernen Technik hervor.

Logische, oder wie hier: logistische Unstimmigkeiten und Flachheiten können sich große Romane locker erlauben. Sie verstimmen aber in Büchern wie diesen, eben weil sie die Logistik, der sie folgen, so ostentativ hervorkehren.

Eine Figur setzt sich in einen Zug und landet in einem Tunnel, der die Form eines Albtraums annimmt. Mit diesem Dürrenmatt-Modell schickt Kehlmann seine Figuren gern ins Unheil. In der Geschichte „Osten” beherzigt er zudem den Rat Dürrenmatts, eine Geschichte sei erst dann zu Ende erzählt, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen habe.
Aber das Schlimmstmögliche hat hier wenig Gewicht und wenig Wucht. Denn es stößt Figuren zu, die ihrerseits wenig Gewicht haben. Sie leiden nicht wirklich, sie besitzen keine Schärfe und eigentlich auch keinen Charakter. Das hängt mit der zweiten Schwäche dieses Buches zusammen: Sein großer Aufwand an Verrätselung und Maskenspiel mündet auf paradoxe Weise in die vollkommene Geheimnislosigkeit der dargestellten Welt und ihres Personals.

Nein, dies ist kein bedeutendes Buch, kein großer Wurf, bei dem aus neun Geschichten das Ganze eines Romans entsteht. Denn es gelingt ihm nicht, ein Äquivalent für die Ortsbindung und atmosphärische Dichte zu finden, die in einem modernen Klassiker des Genres wie Sherwood Andersons „Winesburg, Ohio” (1919) die disparaten Erzählungen und Figuren zusammenschließt. Es bleibt in „Ruhm” bei der logischen Verknüpfung der Geschichten: was der Figur in einer Geschichte widerfährt, erhält in einer späteren seinen Ort in der Kausalkette der Ereignisse oder umgekehrt. Der Verstand des Lesers mag seinen Spaß dabei haben, die Rätsel aufzulösen, die ihm dieses Buch aufgibt. Verlässlich arbeitet darin die leichte Hand eines Erzählers, der nie um einen Einfall und eine überraschende Wendung verlegen ist. Die Dämonen aber, die Abgründe und Alpträume, die es zu enthalten behauptet, enthält dieses Buch nicht. Ihm misslingt, was derzeit im deutschen Kino Christian Petzold gelingt, von „Wolfsburg” über „Yella” bis „Jerichow”: Gespenstergeschichten zu erzählen, die auf dem technologischen Niveau der Gegenwart angesiedelt und Figuren des deutschen Alltags in Schrecksekunden bannen.
 LOTHAR MÜLLER



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