Samstag, 12. Mai 2018

Walaa

Heute war ich in einem wunderbaren Film auf dem Dokfilm-Festival:




What Walaa wants

Christy Garland, Dänemark, Kanada 2018.

Aufgewachsen ist Walaa im Flüchtlingscamp Balata im Westjordanland bei Verwandten. Während ihre Mutter als Unterstützerin eines Selbstmordattentäters acht Jahre lang in einem israelischen Gefängnis saß, hatte ihr Vater die Westbank verlassen und eine neue Familie gegründet. Walaa hat einen drängenden Wunsch: Sie will Polizistin werden. Sie will einen Job, Autorität und eine legale Waffe. Doch ihr rebellischer Geist und ihr aufbrausender Charakter stehen zwischen ihr und diesem Ziel. Christy Garland begegnet Walaa als 15-jährige und begleitet über sechs Jahre ihre Ausbildung in der Polizeikaserne, die Konflikte mit ihrer Mutter Latifa und ihr Hineinwachsen in die Rolle einer verantwortungsvollen Polizeibeamtin der palästinensischen Sicherheitskräfte. Ein ungewöhnlicher Coming-of-Age-Film von der Westbank.

Die Regisseurin erzählte hinterher, dass sie bei einem Projekt in der Westbank dabei war, wo Mädchen Computerkurse angeboten bekamen. Zehn Tage reisten sie herum und es sei entsetzlich langweilig gewesen für sie zum filmen: nur Mädchen, die in Computer starren. Am letzten Tag, in Balata, sei Walaa hereingekommen und sofort sei sie fasziniert gewesen. Das Mädchen hat so eine ungeheure Präsenz, ist was ganz Besonderes. Sie hat sie dann durch die Stadt begleitet, ein paar Aufnahmen gemacht mit ihr und dann später diesen Film über sie gemacht.


Es war eine seltsame, besondere Mischung von Realität und dieser durchlässigen, starken Präsenz und Authentizität des Mädchens, die so intensiv war, dass sie fast wie eine Schauspielerin wirkte. Die Regisseurin konnte auch nicht ausschließen, dass die Präsenz der Kamera das Verhalten von ihr verändert hat. Ist ja klar. Walaa hätte die Kamera zu Anfang gehasst, vor allem bei dem harten Polizeitraining, wo sie ziemliche Probleme hatte. Wenn dich ein Polizeioffizier vor allen anderen zusammenscheißt und du mit den Tränen kämpfst während du steif dastehst, Augen gradeaus... das ist schon hart. Aber dann hat sie sich gewöhnt und vielleicht auch ein bisschen gespielt mit der Kamera.


Die traurige Umgebung der Westbank: vermüllt und übervölkert, die Perspektivlosigkeit, die Radikalisierung - all das war die Folie im Hintergrund und auf all das reagierte Walaa mit einem Wunsch: sie wollte ein - legales - Gewehr haben, eine Waffe. Sie wollte kämpfen. Am Ende des Films sieht man sie dann in einem Büro sitzen, in ihrer Uniform, und die Anzeige einer Frau protokollierend, die Streit mit den Nachbarn hatte. Da wirkt sie schon wie eine erwachsene Frau, eine Beamtin, auch wenn sie immer noch dieses lebendige Gesicht hat.


Diese Dokumentarfilme sind eine spannende Sache, aber eben auch zwiespältig, was die Ästhetisierung der Realität angeht. Ich bin mir nicht sicher, wie ich dazu stehe.


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