Montag, 7. Mai 2018

Stadtleben

Gestern war ich in der Stadt. Am Mittag traf ich mich mit meinen ehemaligen Kolleginnen U und L im Biergarten am Wiener Platz. Unser Gespräch kam bald auf das Tao, in der Gegenwart leben, den Verstand in die Schranken weisen und all das, womit ich mich grade befasse. Wir waren uns einig, dass wir die besonders nervigen Menschen in unserem Leben als unsere besten Lehrer ansehen sollen. U schlug vor, dass wir beide uns jetzt mittags immer mit Frau M treffen, ihrer – und meiner ehemaligen – Abteilungsleiterin. Solange, bis wir in den Zustand der Vergebung und Liebe gelangen. Mitarbeiterinnen der MVHS neigen zu Übertreibung und zu Heldenmut.







Dann ging ich zum Gasteig und traf unterwegs noch eine ehemalige Kollegin. Sie ist frühzeitig in Rente gegangen und hat es noch keine Sekunde bereut. Sie sagte, dass früher, bevor Frau Dr. M die Programmdirektorin wurde, an der MVHS ein Klima von Respekt geherrscht hatte. Man hat gut zusammengearbeitet, diskutiert, sich ausgetauscht. Ein interessante Vorstellung.

Ich ging in die Bücherei, holte mir noch ein Tao-Buch und einen Anderson. Leider war die englische Ausgabe verliehen, ich habe sie mir bestellt.

Ich ging langsam durch die sonnige Stadt rüber zum Gärtnerplatz, wo ich mir ein Bio-Eis kaufte und auf eine Bank damit setzte. Und dann weiter in die Innenstadt. 


Deutsches Museum.
Müllersches Volksbad.

Europäisches Patentamt.


Gärtnerplatz.
In einem Kräuterladen ließ ich mich beraten, während ich ihr eine kleine Raupe aus dem Haar entfernte. „Ah, aus unserem Kräutergarten!“ sagte sie und betrachtete sie erfreut. Sie trug mir auf, im Internet zu recherchieren und ich fand heraus:
Das Ergebnis einer über 50-jährigen Erfahrung auf dem Gebiet der Naturheilkunde hat Bertrand Heidelberger als Vermächtnis der Nachwelt zur Verfügung gestellt.
Aus sieben bitteren Kräutern: Wermut, Schafgarbe, Wacholder, Fenchel, Anis, Kümmel und Bibernelle stellte er ein schleimlösendes und schleimausscheidendes Pulver zusammen, Heidelbergers 7 Kräuterstern.
Jedes einzelne der Kräuter im Kräuterstern ist ein wahres Wunder an Heilkraft und Wirksamkeit. Vor allem kann sich das intensive Zusammenwirken der verschiedenen Bitterstoffe der sieben Kräuter auf den ganzen Körper heilbringend und positiv auswirken. Durch die tägliche Einnahme seines speziellen Kräuterpulvers konnte Bertrand Heidelberger den sich täglich bildenden Schleim in seinem Körper lösen und sein Blut bis ins hohe Alter gesund erhalten.
(Zitat aus Natur und Heilen, Monatszeitschrift für Naturheilkunde und sanfte Medizin 11/02)

Es schmeckt wie ein Magenbitter ohne Alkohol. Ich bin gespannt, ob ich an der Nasenschleimhaut was merke.

Dann traf ich M an der Synagoge, wir wollten ins Café des Museums dort gehen, aber es hatte geschlossen. Also setzten wir uns ins Stadtcafé, wo das TAO uns einen freien Tisch bereitstellte.
M grüßte nach allen Seiten die Musiker, die dort saßen. Die Künstler hängen natürlich die meiste Zeit ihres Lebens in Straßencafés herum. Und grüßen einander freudig, wenn sie sich dabei entdecken.


Synagoge.

Wir tranken Kaffee und ärgerten uns über die arroganten Kellner. In Szene-Cafés pflegen die Kellner einen rüpelhaften Umgangsstil. Peinlich genau vermeiden sie die Benutzung von überflüssigen Worten wie „Bitte“ oder „Danke“ und die Benutzung von überflüssigen Körperbewegungen wie das Hochziehen der Mundwinkel und die Benutzung von Bewegungen des Gehirns wie das richtige Ausführen einer Bestellung. Selbstverständlich würden sie auch nie das Wort „Entschuldigung“ zwischen ihre schmalen Lippen rauspressen. Als wir gingen, ließ der Kellner überraschender Weise ein vertraulich-kumpelhaftes „Servus“ fallen.

Dann schlenderten wir weiter, Richtung Viktualien-Markt. Ich kaufte mir in einem Antiquariat am Stadtmuseum, das auf unbeholfen geschriebenen Papp-Schildern für „Extrem billige Bücher“ warb, ein Wanderbuch: „Rund um München“.
Der Antiquar saß lesend in der Dämmerung seines dunkelrot gestrichenen Verkaufsraumes. Während er mir das Buch abkassierte fragte er mich besorgt, was ich denn machen würde, wenn mein Wander-Begleiter verschwinden würde. Ich merkte, er stand in den Startlöchern, sich als Ersatz anzubieten. Er begleite mich noch nach draußen, wo M stand und sich nicht entschließen konnte, eines der extrem billigen Bücher zu kaufen und verabschiedete uns mit ausgesuchter Höflichkeit.
 

Weiter zogen wir. In einer Seitengasse standen auf Eisenständern riesige Bruchstücke eines Denkmals. „Was ist das?“ fragte ich M, die das nicht wusste. Sie wusste nur, das die Pizzeria gegenüber sehr gut sei. Solche Dinge wissen die Künstler.





Eine ältere Dame hörte meine Frage und blieb stehen: „Das sind Teile des Siegestores in der Ludwigstraße, das zerbombt wurde im Krieg und dann restauriert. Dies hier sind Original-Reste.“
Ob wir noch mehr wissen wollten. Und unversehens verwickelte sie uns in ein Gespräch. Sie war eine Italienerin, hat als Sekretärin hier angefangen, zwischendurch ging sie mal für ein Jahr als Aupair nach New York, um Englisch zu lernen. Mit zweiunddreißig erfüllte sie sich einen ihrer beiden Lebensträume: sie ließ sich zur Hebamme ausbilden. Und dann kam der zweite Traum dran: sie ging für einige Jahre nach Afrika, zur Entwicklungshilfe. Nach Ruanda. Dort adoptierte sie ein Tutsi-Mädchen, die dann Krankenschwester wurde. Als das Mädchen mit der Ausbildung fertig war, kam übers Radio die Anweisung, in welchen Ort sie zum Arbeiten gehen soll. So machte man das damals, weil es keine Post gab in Ruanda. Das kam alles übers Radio.
Das Mädchen wollte Medizin studieren, aber als Tutsi war ihr das nicht erlaubt. Unsere Italienerin holte sie nach Deutschland und ermöglichte ihr hier erstmal das Abitur, dann das Studium.
Dann kam der Völkermord (6.April. bis Mitte Juli 1994): in drei Monaten wurde über eine Millionen Tutsi ermordet, auch die Familie des Mädchens, bis auf einen Onkel, der über die Grenze fliehen konnte.

Die Italienerin schaute uns mit großen Augen an und imitierte die Bewegungen der Macheten, mit denen die Tutsi abgeschlachtet worden sind. "Nach all den Jahren Bürgerkrieg in Syrien gibt es dort noch nicht so viele Tote, wie in Ruanda in drei Monaten", sagte sie.
Das Mädchen blieb in Deutschland, ist jetzt Anästhesistin. Und zu der Italienerin kommt jetzt jeden Samstag ihr Enkel Fidel, ein 1,90 Meter großer Jugendlicher (die Tutsis werden sehr groß) und putzt ihre Wohnung.
Was es für interessante Menschen hier gibt, in der Stadt. Wenn man Lust hat, sich zu unterhalten, dann findet man sie.

Dann trennten M und ich uns, weil ich zum Dokumentarfilm-Festival ging: ein Film über „The Rights of Nature: a Global Movement“. 

Die Idee kommt aus Bolivien und Ecuador. Dort wurde in die Verfassung für die Natur dieselben Rechte eingeräumt wie einer Person. Jetzt kann jede/r Bürger/in sie vor Gericht vertreten und Konzerne verklagen, die sie, die Natur, verletzen. Die Umsetzung ist noch sehr schwierig bis unmöglich, aber es geht um das Signal: wenn du die Natur nicht mehr als Ding betrachtest, verändert sich dein Verhältnis zu ihr, darum geht es. Eine schöne Idee, die sich langsam über den Globus verbreitet.
Die Regisseure waren aus den USA angereist und eine Juristin aus Ecuador, denn der Film hatte Premiere.




Ich ging dann vom Harras zu Fuß zurück nach Haus. Es war dämmrig, aber noch warm, die Sonne war grade dabei, den Himmel einzuröten. Auf dem Spielplatz lärmten die kleinen Kinder mit Migrationshintergrund, da sie nicht so früh ins Bett müssen wie die deutschen. Gruppen von Jugendlichen und Erwachsenen sammelten sich hier und da, lautstark diskutierend – ebenfalls alle mit ausländischen Wurzeln. 

Wie schön das ist, sich so zwanglos zu treffen, im Park, in der Abendsonne. 



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