Donnerstag, 27. September 2018

Medien


Heute war ich im schönen Schwabing bei einem Vortrag der Umweltakademie von Prof. Dr. Michael Meyen, LMU, Institut Kommunkationswissenschaften und Medienforschung: "Medienlogik und Medienwirkung - Beispiel der Klimawandel".
Was ich selbst schon lange als peinlich und quälend empfinde: die wachsende "Verblödungsstrategien" der Medien, das scheint tatsächlich Strategie zu sein.
Frank Schirrmacher wusste es schon 2012. "Nehmen wir an, der Ökozid sei heute bereits eingetreten", sagte der FAZ-Herausgeber damals in einem Interview, "dann würde es die Tagesschau morgen schon als Normalität behandeln."
Egal ob Nachrichten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, führende Tageszeitungen, talkshows oder Online-Angebote: Journalisten machen das, was Reichweite maximiert. Sie vereinfachen, sie übertreiben, sie spitzen zu. Egal ob fake-news oder nicht, sie greifen „Knallendes“ auf, sie erzählen uns Geschichten und sie verdichten komplexe Themen auf Konflikte zwischen zwei oder drei Spitzenleuten. Breaking News: Das ist die Währung, um die im „System Massenmedien“ gespielt wird.
Der Klimawandel passt nicht in diese Muster der Realitätskonstruktion. Der Vortrag zeigt, wie sich die Medienrealität in Deutschland in den letzten 30 Jahren verändert hat, wie das Thema Klimawandel dort behandelt wird und was man tun müsste, um dies zu ändern.
                 

Zum Weiterlesen finden Sie hier zu „MEDIENREALITÄT – Ein Blog des Forschungs- und Lehrbereichs von Michael Meyen (LMU München)“, in dem Lehrende und Studierende ihre Arbeiten und Stellungnahmen veröffentlichen: https://medienblog.hypotheses.org/1572
Der Meyen sagte nochmal ganz eindringlich: Massenmedien sind kein Spiegel der Realität. Sie produzieren ihre ganz eigene Realität, auch die Süddeutsche oder das Öffentlich-rechtliche Fernsehen.
Als theoretischen Hintergrund wurde mal wieder Foucault herangezogen: das Subjekt ist in der Sprache gefangen, in einem Gedankensystem, dem es nicht entkommen kann. Man bewegt sich in Diskursen. Was ist ein Diskurs? Das sind alle Aussagen zu einem bestimmten Thema.

Diskurstheorie
  • Ausgangspunkt: Subjekt ist in der Sprache gefangen: „Wir denken stets innerhalb eines anonymen, zwingenden Gedankensystems, das einer Zeit und einer Sprache angehört“
  • Diskursive Praxis: Regeln, die bestimmen, was von wem wo und wie gesagt werden kann (und was eben auch nicht), und die folglich auch definieren, ob und wie eine Aussage wirkt
  • Diskursive Praktiken bilden „systematisch die Gegenstände (…), von denen sie sprechen“
  • Ziel: „Wahrheitsspiele“ und „Raum des Sagbaren“: Warum wird das Thema Klimawandel so dargestellt und nicht anders? Warum werden manche „Fakten“ wahr und andere falsch?
 Momentan haben wir drei dominante Diskurse:
  • wirtschaftliches Wachstum
  • Machbarkeit/Beherrschbarkeit
  • Individuelle Freiheit

  • (wirtschaftliches) Wachstum:
    Klimaschutz vs. „knappe Kassen“, „überflüssige Bürokratie“, „fehlendesWachstum“, Deregulierung (Stichwort neoliberale Revolution)
  • Machbarkeit und Beherrschbarkeit:
    Die Grünen: „eine kleine Partei von Studienabbrechern ohne naturwissenschaftlich-technischen Sachverstand“ (Leserkommentar, Cicero, 9. August 2018)„mediales Versagen“: „Hoffnung auf die Weltklimagipfel“ (Ralf Hutter, Übermedien, 13. November 2017)
  • (individuelle) Freiheit
    „Der Klimawandel stellt: die Idee der Freiheit, das vielleicht wichtigste politische Konzept der Neuzeit, vor gewaltige Herausforderungen“ (Amitav Ghosh, Die große Verblendung)
Diskurse bestimmen, wie Themen dargestellt werden. Der DDR-Diskurs war bestimmt von dem Thema Diktatur - fast völlig außen vorgelassen wurde und werden die Erungenschaften und Qualitäten vom Kommunismus, die Ideale, die man hatte, die guten Visionen.
Der Tempo-Limit- Diskurs wird beherrscht von der Drohung der Einschränkung der Freiheit.
Der China-Diskurs ergötzt sich an der Häme über die totale Überwachung, es taucht nie auf, wie erfolgreich die Schüler/innen in Mathe sind und warum.
Und der Klimaschutz, der ist vor allem eine Wachstumsbremse. Eine Gefahr für die Weltwirtschaft. Der Klimaschutz, nicht der Klimawandel!

Das Problem ist: man kann nichts bewegen in der Welt, wenn man es nicht in den Medien unterbringt. Nur sind die Erwartungs-Strukturen mittlerweile so, dass alles irgendwie originell und exklusiv sein muss, es muss von Personen handeln und eine Geschichte sein, möglichst mit gutem Ende.
Man kann das deutlich sehen: früher kämpften Gruppen gegeneinander (Gewerkschaft gegen Unternehmen), heute geht es um Personen (Gewerkschaftsführer gegen Firmenchef etc.). Sonst ist es langweilig. Also, die Medien haben neue Grundsätze:
  • Personalisierung
  • Emotionen
  • Geschichten
  • Dynamik
  • Ästhetik
Statt Nachrichten gibt es Meinungsbetontes Erzählen, so wie es bei der BILD-Zeitung schon immer üblich war. Mir ist das schon aufgefallen, dass die ZDF-Nachrichten sich vom Stil immer mehr der Sendung mit der Maus angleichen, es ist gruselig, wie sie uns die Welt erklären, finde ich. Richtig gruselig.
  • Politik und Wirtschaft heute: kommerzielle Logik
  • Konflikte auf Königsebene, Skandale, Negativität, Superlative, Einmaliges
  • Geschichten (Emotionen, Folgeberichte, Meinungen), Überraschendes
  • Wandel betrifft vor allem Leitmedien wie die SZ
Medientauglich sind Top-Positionen, Prestige-Gebäude und Events. Nicht medientauglich ist die Realtität. Oder Journalisten, die Position beziehen, die die angebliche "Neutralität" aufgeben. Ja, und eben leider auch der Klimawandel. Nicht ernsthaft, nur die Katastrophen dürfen rein, in die Medien. Wetterphänomene.
Der Meyen sagte, er schaut gar kein Fernsehen mehr.



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