Ich lese grade von Geert Mak: In Europa. Ein Kapitel handelt vom Ersten Weltkrieg, und ich bin fassungslos. Er hat sich in Wien ins Archiv gesetzt und die Zeitungen vom Juni, Juli und August durchgelesen.
Am 28. Juni 1914 gibt es eine Sonderausgabe zu dem Attentat in Serbien, die nächsten Tage wird lang und breit über die Herkunft des Täters geschrieben oder über den korrekten Inhalt der letzten Worte vom Kronprinz - "Soferl, bleibe leben für unsere Kinder". Das Begräbnis wird vorbereitet, die Börse bleibt ruhig:
"Die unmittelbaren politischen Folgen des Attentats werden jedoch vielfach übertrieben", schreibt die Zeitung am Donnerstag, dem 2. Juli.Nach dem Begräbnis wird tagelang diskutiert, ob das Protokoll im Hinblick auf den hohen Adel und das Militär ausreichend beachtet worden war. Das Warenhaus Lessner hat einen Ausverkauf von Seidenfoulards.
Der deutsche Kaiser Wilhelm II fährt am 6. Juli für drei Wochen nach Norwegen, in die Ferien.
Am 13. Juli wird zum ersten Mal von größer werdenden Spannungen mit Serbien berichtet, es will Österreich nicht ausreichend Genugtuung geben. Da werden dann europaweit Depechen ausgetauscht: Russland ist mit Serbien verbündet und Deutschland mit Österreich, was nun bekräftigt wird.
Am 16. Juli reist Frankreichs Präsident zu einem Staatsbesuch nach Russland, an der Börse herrscht Sommerstimmung.
Der britische Außenminister fährt am 25.7. für ein Wochenende zum Angeln.
Ab dem 20.7. wird Unruhe spürbar und am 26.7. wird die Mobilmachung bekannt gemacht, Kaiser Wilhelm II bricht seinen Urlaub vorzeitig ab.
Der Stabschef der serbischen Armee ist zufällig zu Besuch bei seiner Tochter in Ungarn und wird prompt verhaftet, dann aber wieder freigelassen. Aus "ritterlichen Gefühlen", denn man will den Feind nicht seines Oberbefehlshabers berauben.
Ab jetzt ist von einem möglichen Krieg die Rede, die Kriegserklärung Österreichs an Serbien erfolgt am 29.7.
Am 31.7. macht Russland mobil, am 1.8. dann Deutschland.
Am Sonntag, dem 2. August, berichtet die Zeitung von einem Telegrammwechsel zwischen Kaiser Wilhelm und Zar Nikolaus. Die verzweifelten Texte sollten erst später bekannt werden:Am 3. August die deutsche Kriegserklärung an Russland, am 5. August die britische an Deutschland. Da war der britische Außenminister grade mal eine gute Woche vom Angeln zurück. Wie ist das möglich? Innerhalb von ein paar wenigen Tagen wird etwas entschieden, was vollkommen unabsehbare Folgen hat.
"... verstehe ich vollkommen, wie schwierig es für Dich und Deine Regierung ist, den Strömungen Eurer öffentlichen Meinung entgegenzutreten. Im Hinblick auf die herzliche und innige Freundschaft, die uns beide seit langem mit festem Bande verbindet, biete ich daher meinen ganzen Einfluß auf, um Österreich zu veranlassen, durch sofortiges Handeln zu einer befriedigenden Verständigung mit Dir zu kommen... Dein sehr aufrichtiger und ergebener Freund und Vetter Willy"
"Ich sehe voraus, daß ich sehr bald dem auf mich ausgeübten Druck erliegen und gezwungen sein werde, äußerste Maßnahmen zuergreifen, die zum Kriege führen werden. Um ein solches Unheil wie einen europäischen Krieg zu verhüten, bitte ich Dich im Namen unserer alten Freundschaft, alles Dir Mögliche zu tun, um Deinen Bundesgenossen davon zurückzuhalten, zu weit zugehen. Nicky."
Die ersten unglaubwürdigen Geschichten tauchen auf: "Aus einem französischen Aeroplan wurde bei Nürnberg eine Bombe geworfen. Dieses Vorgehen ist einer Kulturnation unwürdig. Auch im Kriege sind bei der Anwendung von Gewaltmitteln die Schranken der Sittlichkeit nicht aufgehoben."Das hat man wirklich geglaubt. Im Nachhinein weiß man ja immer alles besser, aber mich erschreckt das Ausmaß der Verblendung der Verantwortlichen zutiefst. Regierungen zu vertrauen - das ist totaler Unsinn, fürchte ich.






