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| Unser tägliches Gewitter. |
Zu meiner Maßnahme Karriere-Coaching für Akademiker/innen gehört nicht nur ein Seminartag pro Woche sondern auch eine Stunde Einzelcoaching. Frau A hatte sich telefonisch bei mir gemeldet, um den Termin auszumachen: sie klang sehr jung und so aufmunternd und motivierend, wie es sich für einen Coach gehört. Das stimmte mich etwas bedenklich, aber irgendwie war mein Respekt für das Arbeitsamt, das diese Fortbildung ja „eingekauft“ hat, doch so groß, dass ich mich zum Optimismus ermahnte.
Heute hatte ich meine erste Sitzung. Ich trieb Frau A in einem winzigen Büro auf, das sie sich mit zwei weiteren Gestalten teilte, alle natürlich in Computer starrend. Sie war, wie erwartet, jung und verströmte eine herzliche, gesunde Eifrigkeit, während sie mich, schweigend beobachtet von den beiden deutlich älteren Kollegen, aus dem Büro lotste, rüber in den Besprechungsraum. All diese Büros, Räume und Flure erinnerten mich bedenklich an die Volkshochschule: es sah nach Sparzwang aus und Enge. Das Arbeitsamt kauft eben keine Ästheten, es kauft eher gut und günstig ein.
Frau A und ich ließen uns in einer kahlen Kammer an einem Tischchen nieder, und sie beteuerte zum Einstieg, wie sehr sie sich freut, mich nun zu begleiten. Vielleicht die nächsten drei Monate, noch lieber aber kürzer, weil ich ja – hoffentlich! - bald wieder Arbeit hätte.
Ich sagte: „Darf ich Sie nach Ihrer Ausbildung fragen?“
Ich durfte: sie war eine Grundschullehrerin aus Österreich - „Wie Sie vielleicht hören?“ lachte sie verlegen, denn die Österreicher in Bayern können eine heikle Angelegenheit sein.
Sie hat irgendwannmal eine Ausbildung in Sachen Personal-Management gemacht und ein Teil dieser Ausbildung war „Coaching“. Okay. Ein Teil eines Weiterbildungskurses. Ich fragte nicht, ob es ein Online-Kurs gewesen ist oder Präsenz.
Sie war nett! Sie hatte ein Blatt Papier vor sich und forderte mich auf, erstmal von mir zu erzählen. Ich merkte, dass ich das gerne tue und sie war eine gute Zuhörerin. Ich überwältigte sie mit meinen grässlichen Erfahrungen an der MVHS, zeigte meine großartigen Zahlen vor, das gute Feedback der Dozenten/innen und sagte, dass kein Erfolg mich hatte schützen können vor der Entwertung und Niedermachung durch Programmdirektorin und Abteilungsleiterin.
„Ist doch klar!“ verblüffte sie mich. „Das ist Neid.“
Sie fand es ganz in Ordnung, dass ich gekündigt hatte, im Gegensatz zu Frau M vom Arbeitsamt, die mich ja der Flucht bezichtigt hatte.
Meine Schilderung des Studium generales interessierte sie immer mehr und schließlich fragte sie: „Kann ich da auch mitmachen?“
So habe ich also meiner niederträchtigen Nachfolgerin eine neue Teilnehmerin gewonnen, obwohl sie das wahrhaftig nicht verdient hat.
Ich schloss meinen Vortrag mit den Worten, dass ich nicht die geringste Ahnung hätte, wo es mit mir hingehen soll.
„Wie wäre es mit Headhunter?“ fragte sie und schaute mich erwartungsvoll an.
„Headhunter?“
„Ja, Sie haben doch ständig Dozenten akquiriert!"
Headhunter. So schnell kann es gehen. Wir reden keine halbe Stunde und schon öffnet sich vor mir die neue Karriere: Headhunting.
Die Zeit war um und sie hatte eine Hausaufgabe für mich: „Welche drei Werte soll Ihr zukünftiger Arbeitgeber haben?“ Diese Frage soll ich zu Hause bebrüten und dann beantworten.
Ich taumelte nach draußen und fragte mich, wo ich eine Beratung herkriegen kann. Da muss ich mich ernsthaft drum kümmern, fürchte ich.



