Mittwoch, 25. April 2018

Kehlmann

Gestern holte ich mir im Gasteig das neue Buch für unseren Lesekreis: Ruhm, von Daniel Kehlmann. Schon vorab gab es von den Leserinnen eine E-Mail-Diskussion, weil S, nachdem sie zu lesen angefangen hatte, gleich klagte: „Ich langweile mich, wollen wir nicht was anderes lesen?“
D2, die das Buch vorgeschlagen hatte, war weiterhin begeistert, die anderen haben es noch nicht.
Für mich fällt Kehlmann in die Kategorie SPIEGEL-Bestseller und diese Liste ist mein persönlicher Giftschrank, was Literatur betrifft. Ratgeber und Sachbücher: ja, Literatur: nein.
Aber ich holte mir das Buch, das mit zwei Exemplaren in der Bücherei vorrätig war, was heißt: es gab mal einen riesigen Hype, der wieder abgeklungen ist. Ein typisches Phänomen von SPIEGEL-Bestsellern.



Ich spiegel mich im Gasteig.
Ich wollte später noch zu einer Veranstaltung in die Hochschule für Philosophie und setzte mich solange runter in die Isarauen und fing mit dem Buch.
Kehlmann kann schön schreiben, elegant und pointiert. Gleich im ersten Absatz erfreute er mich mit dem Satz: „Wieso fand niemand etwas dabei, sich eine Quelle aggressiver Strahlung an den Kopf zu halten?“ Für Kritik an Mobil-Telefonen bin ich jederzeit offen.
Es ging flott dahin mit der Geschichte, mit ironischem Witz und netten Ideen. Kehlmann kann auch ganz anschaulich kleine Lebenssituationen beschreiben. Aber – das Aber tauchte nach den ersten Sätzen auf und blieb an meiner Seite –  es war flach. Eine intellektuelle Spielerei eines intelligenten Autors, mehr nicht.



Ich holte mir später die SZ-Kritik vom 16.1.2009 aus dem Archiv, die nach dem Erscheinen erschien und von Lothar Müller war. Er schreibt über das Buch:
Es ist auf bemerkenswerte Weise misslungen. Denn es offenbart, erstens, eine Schwäche dieses Autors, seine Grenze: Er kann keine Figuren erfinden, die ihrem Autor ernsthaften Widerstand entgegensetzen, die ihm gegenüber Geheimnisse bewahren, die er nicht auflösen könnte. Und es gründetet, zweitens, seine erzählerische Dramaturgie auf eine Theorie, die es sich mit ihrem Gegenstand, den modernen Kommunikationstechnologien, allzu einfach macht.
Und:
Aber das Schlimmstmögliche hat hier wenig Gewicht und wenig Wucht. Denn es stößt Figuren zu, die ihrerseits wenig Gewicht haben. Sie leiden nicht wirklich, sie besitzen keine Schärfe und eigentlich auch keinen Charakter.
Das ist für mich genau das Rätsel bei all diesen Büchern von jungen Schreibenden, die immer wieder so große Erfolge feiern: warum sind diese Bücher so belanglos, so harmlos, so glatt?
Gut - ein Grund wird sein, weil man mit solchen Büchern Geld verdienen kann. Und vielleicht NUR mit solchen Büchern. Aber da muss noch etwas anderes sein, vielleicht irgendeine Art von seelischer Geschlossenheit der Autoren, ohne Risse in die Tiefe.


Müllersches Volksbad.

St. Lukas.




Mandarin-Enten.


Auf dem Weg zur Uni begegnete mir im Englischen Garten ein Pferdewagen und dann noch einer und noch einer – es hörte gar nicht mehr auf. An die zwanzig Wagen, gezogen von mächtigen Pferden mit schweren Hufen, dröhnten an mir vorbei. Sie waren noch leer und mit Biertischen und – bänken bestückt, worauf Brotzeit und Bier verteilt waren. Die Pferde waren immer zu Zweit, jeweils zwei gleich aussehende Tiere. Geduldig und gehorsam stapften sie in dem Zug und schüttelten hin und wieder ihre Köpfe. Tiere machen ja alles mit, weil sie von Natur aus im Tao-Zustand sind.





Später, als ich noch eine Weile auf einer Bank gesessen hatte, sah ich drei der Wagen zurückkommen, diesmal saßen Menschen darin. Seltsam still waren sie und schauten ein bisschen verlegen um sich. Ich vermute, sie waren zu einer Stadtrundfahrt unterwegs.
Überhaupt: der Englische Garten. Was da so los ist an einem gewöhnlichen Wochentag! Da wird Akrobatik gemacht, Volleyball gespielt, gebadet, den Hügel vom Monopteros heruntergerollt und eine Gruppe Wanderer übte, angeleitet von einer dynamischen jungen Frau, den fachmännischen Umgang mit Wanderstöcken. Er wird benutzt, dieser Park, und das ist wunderbar.


Polizeipferde.




In der Uni stellte ich dann fest, dass die Veranstaltung (Bildung für die digitale Zukunft) eine Podiumsdiskussion war... da wurde mir schon mulmig. Sie fand in der Aula statt und hatte ein ganz schlechtes Verhältnis von der Menge der Zuhörenden (zwanzig) zu der Menge auf dem Podium (fünf).
Es begann mit kurzen Statements von den Podiumsleuten. Erstmal führte der Moderator uns ins Thema ein, dann sprach ein ehemaliger Staatsminister, dann eine Professorin, dann wieder ein Politiker, dann ging ich.
Ich ging, obwohl die wenigen Menschen, die in der großen Aula verteilt saßen und diejenigen auf dem Podium mich alle anstarrten. Ich ging, bevor überhaupt die letzte Referentin gesprochen hatte. Ich ging, weil ich viermal überschwemmt worden war von einer lauwarmen Suppe aus leeren Sprechblasen. Ich war beleidigt und erniedrigt worden von einem Gerede, das sich an hirnlose Idioten wendet. Ich ertrage das Wort „Wertebildung“ nicht mehr. Ich ertrage es nicht mehr, dem genussvollen Geschwätz von Politikern oder Akademikern zuzuhören, die nicht wirklich denken sondern die einfach irgendwann in ihrem Leben angefangen haben zu reden und nun nicht wieder aufhören können.
Draußen schien noch immer die Sonne. Aber ich brauchte lange, mein Gleichgewicht wiederzufinden.



Der Nachrichtensprecher sagt grade, der Todesfahrer in Toronto habe ein Problem mit Frauen gehabt. Es macht mich fertig. Die ganze Welt hört sich das jetzt an, warum da ein psychisch gestörter junger Mann den Verstand verloren hat und zehn Menschen getötet hat.
„Es handelt sich bei den Opfern überwiegend um Frauen“, sagte der Sprecher und fügte ernst hinzu: „Und zwar im Alter von 20 bis 80 Jahren.“
Es macht mich fertig, die Nachrichten zu hören. Tasmanien hat mich verweichlicht, ein halbes Jahr ohne Nachrichten, ohne Fernsehen, ohne Zeitung – alle Schutzwälle haben sich abgebaut. Ich muss das ganz neu trainieren, mich abzuhärten gegen diesen Irrsinn.

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